Die Sloterdijk-Debatte

Erstellt von Ann Kowal vor 5 Jahren
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Sprachformen kritischer Distanzierung im Alltag und in der Wissenschaft

Die „Sloterdijk-Debatte“

 

Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars „Sprache als ästhetisches Phänomen“ soll es in diesem Essay um Sprachformen kritischer Distanzierung im Alltag und in der Wissenschaft gehen. Anhand konkreter Textbeispiele aus der sogenannten „Sloterdijk-Debatte“, die zu einem „intellektuellen Skandal“ (Reinhard Mohr im Spiegel 1999) auswuchs, sollen Formen der Kritik herausgearbeitet und im Hinblick auf die Rolle von Hierarchien, das heißt im Hinblick auf den Konnex Sprache und Herrschaft (Kaltenbrunner), analysiert werden. Unter Hinzunahme des Originaltextes des Wissenschaftlers und Philosophen Peter Sloterdijk, der umstrittenen Rede über „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus“ (veröffentlicht in der Zeit vom 16. September 1999), die er bei einem Symposium im oberbayerischen Schloß Elmau vor internationalem Fachpublikum gehalten hatte, werden die sprachlichen Formen der Kritik sowohl auf Ebene des philosophischen Diskurses als auch auf der Ebene verschiedener Pressetexte (aus Zeit, Spiegel, Tagesspiegel und Berliner Zeitung) untersucht.

Sprache und Stil in Philosophie, Literatur und Umgangssprache

Ein Text ist keine willkürliche Folge von Sätzen, sondern – wie die lateinische Wortwurzel (texere, textum, textus) schon zeigt – etwas „Gewebtes“, „Verflochtenes“. Im Allgemeinen wird zwischen  Gedankensubstanz und Sprachgestalt unterschieden, zwischen Gedanken und Formulierung, zwischen Inhalt und Ausdruck. Im Folgenden sollen die ästhetischen Aspekte der Textgestaltung im Mittelpunkt stehen, es eröffnet sich die Frage nach der Fassbarkeit des Stils, berücksichtigt werden soll zwecks Klärung eine kurze philosophische Betrachtung zum Begriff des Stils.

Das Wort „Stil“ bedeutete ursprünglich den Griffel, dessen sich die Römer beim Schreiben bedienten; er ist dann zur Metonymie geworden für „jederlei eigentümlich gestaltete Schreibweise“. Auch nicht-literarische Reden, so Manfred Frank, haben einen Stil, bestehend aus der individuellen Art und Weise, in der Sprecher (oder Schreiber) Wörter aus dem internalisierten Lexikon herausgreifen und eigentümlich kombinieren. Bei dieser Auswahl und  Verknüpfung kommen auch ästhetische Maßstäbe zum Tragen.  Frank versteht unter „Stil“ radikal nur den Individualstil. Als individuell gilt, was kraft seiner radikalen Singularität die Idealisierung zu einem sprachlichen Typus vereitelt. Ist der Stil  aber einmal zur identifizierbaren Manier geworden, ist seine Regel angebbar und er tritt in die Nähe eines bestimmten, zwischen mehreren Sprachteilnehmern eingebürgerten Typus von Sprachverwendung, so wird zum Beispiel vom Stil einer Gruppe, einer Sozialschicht oder einer Klasse gesprochen. Des Weiteren werden in der Topik mehrere Stil-Schichten unterschieden, etwa der einfache Stil vom entfalteten, vom gehobenen oder vom poetischen Stil. In diesem Fall ist Stil nichts Individuelles, sondern etwas mehreren Sprechern Gemeinschaftliches: eine teilbare und geteilte Weise der Redeverwendung, der Kunstübung oder (gerade in der Philosophie) der Weltschematisierung. Alles in diesem Sinne Teilbare kann zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Beschreibung oder Inventarisierung werden, die die individuellen Elemente aussondert, um die gemeinsamen Merkmale zu erfassen.

Auch die Philosophie, so Manfred Frank, trage eine Art persönlicher Handschrift, einen Stil, benutze zuweilen sogar literarische Kunstgriffe. Zur Diskussion steht die Frage, ob der Gattungsunterschied zwischen Philosophie und Literatur (Habermas) zunehmend nivelliert werde. Frank bestreitet im Gegensatz zu Habermas, dass der Unterschied zwischen Literatur und Philosophie überhaupt ein „Gattungsunterschied“ sei, die Grenzlinie  zwischen Literatur und Philosophie sei gegenwärtig am Verschwinden, die Philosophie nehme eine ästhetische Wendung. Ohnehin sei die Literatur keine Gattung an sich, sondern habe vielmehr Gattungen (z.B. Lyrik, Epik, Dramatik), ebensowenig sei die (wissenschaftliche) Argumentation eine Gattung, auch hier intervenieren verschiedene Sprechakte (Fragen, Behauptungen, Vermutungen usw.). Literarische Elemente kommen in der philosophischen Argumentation ohne Einbuße der Geltung vor (wie im Lehrgedicht des Parmenides oder in den stilisierten Komödien des Platon). Habermas‘ Feldzug gegen die Nivellierung der Gattungsgrenze zwischen Literatur und Philosophie müsse letzten Endes mit einem Patt ausgehen: Indem er die Sprachen von Expertenkulturen als Ausdifferenzierung der Umgangssprache verstehe, könne er deren Differentialität eigentlich nur in Begriffen charakterisieren, die das Vorwiegen und Zurücktreten von Elementen beschreiben. Folglich können die rhetorischen Elemente auch weiterhin im wissenschaftlich-philosophischen Sprechen verbleiben und die Philosophie sich „der Leuchtkraft metaphorischer Redewendungen“ bedienen, im Unterschied aber zum literarischen Sprachgebrauch sollten rhetorische Elemente hier für spezielle Zwecke der Problemlösung eingesetzt werden.

Analyse von Kritiken an Peter Sloterdijk

In den ausgewählten Beispieltexten sind die Übergänge zwischen wissenschaftlicher Argumentation und literarischer Ausdrucksweise fließend, häufig gehen sie eine Symbiose ein. Es scheint verständlich, wie Habermas die Grenzen zwischen Literatur, Philosophie und Umgangssprache über Ausdifferenzierung, über Vorwiegen und Zurücktreten rhetorischer Elemente bestimmen zu wollen. Doch zeigt die Inventarisierung der Beispieltexte aus der „Sloterdijk-Debatte“ die Schwierigkeit, spezifische Sprachformen kritischer Distanzierung herauszuarbeiten, die als typisch gelten können für einen bestimmten sprachlichen Bereich, zum Beispiel den der Wissenschaft oder den des Alltags. Vor allem verläuft die Debatte in der „Zeit“ insgesamt nicht auf umgangssprachlichem Niveau, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass vor allem Experten zu Wort kommen, die Atmosphäre, in der sie stattfindet, ist  schon durch die eröffnende Polemik von Thomas Assheuer emotional aufgeladen, kritische Distanzierung erfolgt weniger mittels sachlicher Argumentation, sondern vielmehr mittels offener Polemik und verbaler Attacken.

Mögen sich die Einwände gegen Sloterdijk in ihrem argumentativen Gehalt auch wiederholen, so werden sie sprachlich doch immer wieder in andere, oft bildhafte Umschreibungen gekleidet: Für Assheuer ist Sloterdijk ein „verirrter Weltanschauungsphilosoph, der in den Fußstapfen von Nietzsche und Heidegger versinkt“, für Mohr meldet sich bei Sloterdijk der „uralte, pseudoreligiöse Wunsch nach Gewißheit, ominöser Tiefe des Seins, endgültiger Wahrheit“ zu Wort, er halte (hier stehe er für eine Gruppe ehemals linker Intellektueller) seine eigene Desillusionierung nicht aus und flüchte in den Wahn. Besonders diese beiden ersten Kritiken zeichnen sich durch die Schärfe polemischer Formulierungen, auch durch Diffamierungen aus. Sloterdijk reagiert in einem offenen Antwortbrief mit Ironie, behauptet, sich über die Vorwürfe seiner Kritiker zu amüsieren. Auch diese Form der Distanzierung, das ironische Amüsement über den Gegner, ist in dieser Auseinandersetzung häufig wiederkehrendes Motiv, um so vehementer erfolgen dann anschließend direkte, verbale Angriffe, die durchaus sehr persönlich gefärbt sind. Die Rolle von Hierarchien in der deutschen Philosophie ist dabei explizites Thema im, wie Habermas es formuliert, „Reputationsgerangel“. Habermas‘ Antwort auf Sloterdijks Vorwürfe zeichnet sich – nach einleitend bekundetem Amüsement – durch ihren sachlichen Stil aus, auch spricht er nicht von einem „Skandal“, sondern von „Irritationen“, die der Elmauer Vortrag ausgelöst habe. Eindeutig in der besseren Position als sein Kontrahent Sloterdijk verweist er nach einer kurzen, sachlichen und klar gegliederten Richtigstellung auf die Kraft der besseren Argumente in einer (wissenschaftlichen) Welt, in der Theorien aufeinanderstoßen. Spöttisch ist seine abschließende Frage, ob Sloterdijk sich über diese Welt längst in jene Höhen erhoben habe, wo das An- und Ausdenken das Nachdenken ersetzt habe.

„Nicht argumentativ“, „schlecht und irrig“, „düster-raunend“ lauten die Wertungen der Kritiker in Bezug auf die Rede über den Menschenpark, in den Pressetexten spiegelt sich eine Mischform aus wissenschaftlicher Argumentation (vor allem bei Tugendhat und Frank), alltagssprachlichem Wortschatz, und bei letzterem besonders deutlich auch tropischen Stilfiguren (zum Beispiel „Klavier der Menschenzüchtungssprache“, „Heft des Handelns“) wider. Häufig wird Sloterdijk ein Moment des Irrationalen und Wahnhaften untergeschoben, unter anderem orientiere er sich an „rational nicht rekonstruierbaren“, nicht „vernünftig hinterfragbaren“ Lichtungen und Schickungen, als philosophische Autoritäten dienten ihm (außer Platon) „erklärte Feinde der Logik und des rechenschaftspflichtigen Denkens“.

Ralf Grötker zitiert dann wieder Sloterdijk gegen Assheuer („linksfaschistische Agitation“, „Philosophiepaparazzotum“). Die erhobenen Vorwürfe „Faschismus“ oder „Linksfaschismus“ zeigen die ideologische Aufladung dieser Kontroverse, es bedarf einer genaueren sprachkritischen Untersuchung, inwieweit sich Sloterdijk in seiner Elmauer Rede eines totalitären Sprachgebrauchs bedient. Insgesamt zeichnet sich die Debatte durch die Brisanz der persönlichen Angriffe aus, und Grötker fragt, ob es nicht bezeichnend sei, daß dieser „Thronfolgekampf“ nicht im Fach Philosophie, sondern in den Medien ausgetragen wird. Sloterdijk selbst spricht von einem „archaischen Kampf in der Arena als Vorläufer der modernen Medienhysterie“, der Marburger Philosoph Zimmerli, der von einer „inszenierten Chamäleon-Affäre“ spricht, stellt die Debatte in den Kontext des Strukturwandels der medialen Öffentlichkeit, die Bedeutung der Rede von Elmau liege allein in ihrer massenmedialen Funktion, die „Züchtungsidee“, die Sloterdijk als „Menetekel an die Elmauer Wand“ geschrieben hätte, sei ohnehin abwegig.

Der Ausgangstext, die Rede Peter Sloterdijks, zeichnet sich überdies aus durch ihre „literarische Verschachtelung“, die ihm seine Kritiker unter Berufung auf  Habermas als Verstoß gegen die Regeln der Philosophie anlasten, weil er die Ebene des wissenschaftlichen Diskurses zugunsten der Literatur vollständig verlassen habe. Indem Sloterdijk außerdem über lange Passagen seines Textes hinweg mit Heidegger argumentiert, sind auch sprachliche Elemente in seiner Rede enthalten, die von Bordieu schon bei Heidegger als „Rhetorik des falschen Schnitts“ kritisiert wurden, das heißt Umgangssprache und Fachsprache werden gleichsam „ineinandergeschnitten“. Sloterdijks Stil wird von seinen Kritikern als „schwammig, düster-raunend“, als einziges „Geschweife und Geschwefel“ beschrieben, das, so der einhellige Vorwurf, die Rezipienten des Vortrags in die Irre führe: Im „Gestus der literarischen, sich dem gewöhnlichen Meinen entziehenden Rede liegt (...) die Crux von Sloterdijks Weise des Philosophierens“, einerseits beziehe er Positionen, bediene sich dabei durchaus der sozialen Techniken des Behauptens, andererseits möchte er für seinen Text die „unangreifbare Vieldeutigkeit der literarischen Ausdrucksform reklamieren“ (Grötker).

Sloterdijk hat mit seiner Rede und seinen Angriffen auf Habermas und die Kritische Theorie bei Kollegen und Kritikern zentrale Muster der Wertorientierung verletzt, er greift nicht nur den „Souverän der deutschen Diskursproduktion“ an, er will offenbar durch abweichende sprachliche Regelungen einen gesellschaftlichen Konsens durchbrechen, sich von der „nazivätergeschädigten Generation“ als den alten „Mentalitätenmachthabern“ verabschieden, beruft sich hierzu auf Nietzsche, Platon, Heidegger als Autoritäten. Er trifft auf den geschlossenen Widerstand seiner Kritiker, Journalisten und Philosophen, in der Schärfe der Auseinandersetzung kann Sloterdijk durchaus als „Gruppenfeind“ vor allem der in der „Zeit“ zu Wort kommenden Autoren identifiziert werden. Beide Seiten oder Gruppen erheben dabei den Vorwurf der Demokratiefeindlichkeit, auch hier zeigt sich die von Leuenberger und Hassenstein beschriebene ideologische Verhärtung der Positionen, der Mechanismus der Polarisierung sich feindlich gegenüberstehender Gruppierungen. Diffamierungen kennzeichnen diese Debatte, im „Tagesspiegel“ (6.10.99) fragt Richard Herzinger schließlich, wen Sloterdijk überhaupt auf seiner Seite habe – außer Antje Vollmer, die den umstrittenen Philosophen in der „FAZ“ (27.9.99) zum „Opfer linker Intoleranz und eines humanistischen Übermoralismus“ hochstilisierte.

 

Literatur und Quellen

Monografien

-         Frank, Manfred (1992): Stil in der Philosophie. Stuttgart

-         Kaltenbrunner, Gerd.-Klaus (1975): Sprache und Herrschaft. München

Artikel in Zeitungen

-         Assheuer, Thomas: Das Zarathustra-Projekt. In: Die Zeit Nr. 36 (2. Sept. 99)

-         Frank, Manfred: Geschweife und Geschwefel. In: Die Zeit Nr. 39 (23. Sept. 99)

-         Grötker, Ralf: Ich habe ihm nicht die Hand gegeben. Am Omeshorn verteidigte sich Peter Sloterdijk gegen das Paparazzotum in der Philosophie. In: Berliner Zeitung Nr. 220 (21. Sept. 99)

-         Habermas, Jürgen: Post vom bösen Geist. In: Die Zeit Nr. 38 (16. Sept. 99)

-         Herzinger, Richard: Linke Sirenen, rechter Alarm. Kulturelitärer Dünkel dominiert die Sloterdijk-Debatte. In: Der Tagesspiegel (6. Okt. 99)

-         Mohr, Reinhard: Intellektuelle. Züchter des Übermenschen. In: Der Spiegel 36 (1999)

-         Sloterdijk, Peter: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus. In: Die Zeit Nr. 38 (16. Sept. 99)

-         Sloterdijk, Peter: Die Kritische Theorie ist tot. In: Die Zeit Nr. 37 (9. Sept. 99)

-         Tugendhat, Ernst: Es gibt keine Gene für die Moral. In: Die Zeit Nr. 39 (23. Sept. 99)

-         Zimmerli, Walther Christoph: Die Evolution in eigener Regie. In: Die Zeit Nr. 40 (30. Sept. 99)

 

 

 

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