Kurzvorstellung: Ghostwriting im Gedächtnispalast

Erstellt von Ann Kowal vor 5 Jahren
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Im Gedächtnispalast

als Ghostwriter oder Schattenschreiber lebe und arbeite ich im Gedächtnispalast. Er unterscheidet sich von dem anthropologischen Ort des ausgelagerten Gedächtnisses in seiner klassischen Form, der Bibliothek, durch seine Dimension. Auch ist er nicht auf herkömmliche Weise zu durchschreiten, sondern körperlos zu durchqueren und gleicht somit eher dem Nicht-Ort (Augé). Angekommen im Zeitalter der Computermoderne (Chomsky) wählen Schattenschreiber zwischen realen und virtuellen Räumen, in und zwischen denen sie sich bewegen. Das Ende der Schrift (Flusser) ist mit diesem neuen Zeitalter nicht eingetreten. Programmierer und Anwender gestalten den virtuellen Raum nicht allein mit binären Codes, sie implementieren Bilder und Texte. Nicht das Ende der Schrift hat sich vollzogen, vielmehr wird sie in einem neuen Rahmen präsentiert. Die Schrift lebt nun auch in einem zweiten Gedächtnispalast im Datenraum. Sie ist eingetreten in eine Informationslandschaft (Wagner), hat sich der zunehmenden Geschwindigkeit angepasst und profitiert von den virtuellen Räumen des Wissens. Beschaffung, Bereitstellung und Übermittlung von Informationen erfolgen lautlos und schnell, haben sich ihrer gedruckten Gestalt entledigt, auf Tastendruck fliegen sie von Sender zu Empfänger und zurück. Und dennoch bedürfen ihre Rezipienten weiterhin der Langsamkeit, des linearen Denkens und der realen Räume, des Umgangs mit fassbarer Materie. Unentbehrlich bleibt der alte Gedächtnispalast mit seiner erlebbaren Atmosphäre, hohen Regalen mit Reihen von Büchern in Bibliotheken, den traditionellen Hallen des Wissens. Wandeln wie Merleau-Ponty, ein gedrucktes Buch in Händen, die Seiten wendend, wird der Blick nicht gefesselt vom Backlight eines Monitors.

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