Zur Methodik der Text- und Diskursanalyse

Begriffsdefinitionen

Text-und Diskursanalyse ist Teil angewandter sprachwissenschaftlicher Methodik. In Auseinandersetzung mit Leontjews Tätigkeitstheorie[1] definierte Jäger, Extremismusforscher und Leiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) einen Textbegriff, nach dem alle Arten von Texten als Diskursfragmente zu verstehen sind, die wiederum als Bausteine oder Elemente übergreifender Diskursstränge gesehen werden.

Erstellt von Ann Kowal vor 6 Jahren
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Ein Text gilt als sprachlicher Ausdruck einer komplexen ideellen Tätigkeit, eines komplexen Denkens, produziert zum Zweck der Weitergabe an andere (Kommunikation) oder an sich selbst (zu einem späteren Zeitpunkt). Voraussetzung für die Produktion eines Textes ist vorhandenes Wissen, erworben in einem Lernprozess und geprägt durch die Sozialisation des Produzierenden in einer bestimmten sozialen Umgebung in einer bestimmten historischen Zeit. Der über Wissen verfügende Mensch muss außerdem mit einem bestimmten Motiv ausgestattet sein, sein Wissen mit einer bestimmten Wirkungsabsicht gedanklich aus- und weiterzuverarbeiten, dabei Rezeptionsbedingungen durch andere beachten und sich bestimmter sprachlicher respektive gedanklicher Mittel bedienen, um die beabsichtigten sprachlichen Handlungen aufzubauen und somit Texte als Resultate seiner Sprech- bzw. Denk-Tätigkeit zu produzieren.[2]

EinText oder Textteil, der ein bestimmtes Thema behandelt,ist ein Diskursfragment. Eine gewisse (endliche) Menge von Diskursfragmenten ergibt den Diskursstrang. Die Diskursstränge schließlich summieren sich in einer gegebenen Gesellschaft zum gesamtgesellschaftlichen Diskurs, vorstellbar als ein komplex verzweigtes und ineinander verwurzeltes Netz. Ein Text kann thematische Bezüge zu verschiedenen Diskurssträngen enthalten und so thematische Knoten bilden. Zusammen mit den Kollektivsymbolen ergeben diese den „Kitt“, durch den die Diskursstränge zum Gesamtdiskurs gebündelt werden.[3] Kollektivsymbole werden bei Link definiert als „Sinn-Bilder (komplexe, ikonische, motivierte Zeichen) (...), deren kollektive Verankerung sich aus ihrer sozialhistorischen (...) Relevanz ergibt, und die gleichermaßen metaphorisch wie repräsentativ-synekdochisch und nicht zuletzt pragmatisch verwendbar sind.“[4]

ZurMacht der Diskurse

Bei Jäger wird der Dirkursbegriff mittels Reflexion der Positionen von Foucault, Maas und Link entwickelt. Der Sprachwissenschaftler Maas hatte die Sprache im Nationalsozialismus mittels diskursanalytischer Methodik als Ausdruck gesellschaftlicher Praxis untersucht[5] , Link konzentrierte sich dann auf die Analyse gegenwärtiger Diskursformationen. [6] Dabei ging es ihm um die Funktion von Diskursen als herrschaftslegitimierenden Techniken in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft style=""> und um die Entwicklung von Gegendiskursen. [7] Nach Foucault bestand kein Zusammenhang zwischen Dikurs und Herrschaftslegitimierung, die Diskurse waren bei ihm als das eigentliche historische Agens bereits selbst die Träger der Macht. [8] Jäger folgt der Argumentation bei Link: Diskurse, besonders die dominierenden Leitdiskurse in der Gesellschaft, sind für ihn Machtmittel (ebenso wie Staat und Polizei), mit denen Herrschaft aufrecht erhalten wird. Mit der Entwicklung rationaler Gegendiskurse eröffnet sich damit auch die Chance, Gegenmacht aufzubauen. Mit Link und Jäger wird auch ein deutlich anderer Diskursbegriff favorisiert als ihn Habermas vorgeschlagen hatte, bei dem der Diskurs eine möglichst herrschaftsfreie, rational argumentierende, öffentliche Debatte über bestimmte Themen bezeichnete, und der so einen rationalen und machtneutralen Diskursbegriff verwendete. [9]

Die beschriebene Macht der Diskurse ist nach Link und Jäger zwar groß, keineswegs aber alleiniger Machtfaktor innerhalb einer Gesellschaft: „Sicherlich sind ökonomische, im engeren Sinn politische und besonders militärische Faktoren bei der Etablierung und Aufrechterhaltung (...) totalitärer Formen der Herrschaft mindestens genauso wichtig und häufig wichtiger als diskursive, symbolisch-kulturelle. (...). Aber treiben wir die Bescheidenheit auch wieder nicht zu weit: Nahezu alle Totalitarismustheorien wie auch die meisten historischen Beschreibungen betonen das eminente Gewicht kultureller Faktoren, die häufig etwas hilflos als 'psychologisch' oder 'sozialpsychologisch' gekennzeichnet werden.“ [10]

[1] Leontjew, Alexander N.: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit. Köln 1982

[2] Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte. Duisburg, 3. Aufl. 1991, S. 23 f.

[3] Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 2. Aufl., Duisburg 1999, S. 183-185: Link entwickelt ein zentrales Motiv Foucaults weiter, indem er auf die Spezialisierung von Diskursen durch Arbeitsteilung eingeht und auf die Reintegration des durch Spezialisierung erworbenen Wissens. Medium der Integration der Gesellschaftsmitglieder sei ein für alle verständlicher "Kitt" zwischen den Spezialdiskursen, der sogenannte Interdiskurs. Dieser Diskurs finde vor allem in den Massenmedien statt.

[4] Link, Jürgen: Literaturanalyse als Interdiskursanalyse. Am Beispiel des Ursprungs literarischer Symbolik in der Kollektivsymbolik. In: Fohrmann, Jürgen und Müller, Harro (Hg.): Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Frankfurt am Main 1988, S. 284 - 307, S. 286

[5] Maas, Utz: „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand.“ Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse. Opladen 1984, S. 18

[6] Jäger, Text- und Diskursanalyse, S. 26 unter Verweis auf Link, Jürgen (Hg.): kultuRRevolution – Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie, und der Diskurswerkstatt Bochum und Essen, seit 1982

[7] Jäger, Text- und Diskursanalyse ebd.

[8] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main, 9. erw. Aufl. 2003, S. 10f.

[9] Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt am Main 1981

[10] Jäger, Text- und Diskursanalyse., S. 30

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