Kiezdeutsch

Erstellt von sprintaa vor 11 Jahren

4. 5. 1. Einfluss des Kiezdeutschen auf das Standarddeutsche

Ohne viel Übertreibung kann man behaupten, dass es das Verfallsdenken so lange gibt, wie man überhaupt über die Sprache nachdenkt. Auch das Sprechen von der Schuld und von der Verschlechterung der Sprache durch – sagen wie es offen – die unteren Schichten hat schon eine lange Tradition.“[1]

Die sprachlichen Innovationen des Kiezdeutschen überbringen in Kolloquien bisweilen Anlass für überspannte Beanstandung, in denen die Kiezsprache als „gebrochenes Deutsch“, welches auf ein angriffslustiges „Gossen-Stakkato[2]“ hindeutet, welches wiederum auf „Spracharmut“ und „sprachliches Unvermögen“ zurückzuführen ist[3]. So werden dem Kiezdeutschen die Verunstaltung und sogar der Verfall der deutschen Sprache beigemessen. Verweise gegenüber der Jugendsprache und generelle aller sprachlichen Neugestaltungen habe es in der Vergangenheit schon zweifelsohne beständig gegeben[4]. Dies wird mit dem Wegfall der nominalen Kasusendung „–e“ im Dativ unter Beweis gestellt. Damalig Substantive, die im Genitiv in der Einzahl die Endung „–es“ aufwiesen,  standen im Dativ im Singular mit der Endung „-e“.

Veraltendes Deutsch

Gegenwärtiges Deutsch

Tode

Tod

Manne

Mann

Schutze

Schutz

 

Diese Kasusendungen sind heutzutage veraltend und werden in der Gegenwartssprache für gewöhnlich nicht mehr eingesetzt. Jedoch sind viele Einzelfälle in unveränderbaren Formulierungen wie etwa „in diesem Sinne“, „zum Tode“„oder „im Jahre“ auffindbar. Des Weiteren vermag der Gebrauch von Dativendungen „-e“ der Aussage einen sowohl stilistischen, als auch rhythmischen Ausdruck zu verleihen[5].

Solche klassischen Änderungen werden derzeitig von den Jugendlichen auch als Abgrenzungsmethoden insonderheit anvisiert, um sich insofern nicht nur aus sprachlichem Standpunkt, sondern vielmehr  prinzipiell von den Erwachsenen zu separieren[6]. Fälschlicherweise werden einem Kiezdeutsch-Sprecher mit Migrationshintergrund sowohl ungenügende Fertigkeiten, als auch mangelnde Intergrationsbestreben zugewiesen. Dieserhalb sollte man sich dessen bewusst sein, dass das Standarddeutsche im Sprachgebrauch fälschlicherweise als Hochdeutsch bezeichnete,  durchgehend ebenso lediglich ein Dialekt des Deutsch sei wie etwa die Kiezsprache[7]. Die Deutsch Sprache verfügt über ein regionalreiches Spektrum an Sprachvarietäten, welche neben der Standardsprache in umgangssprachlicher Verständigung auf formloseren Sozialebene, wie z. B. bei der Unterhaltung mit Familienmitgliedern oder dem Freundeskreis zur Anwendung kommen[8]. Jedoch sollte jegliche Sprachfärbung in Berufs- und Bildungskreisen außen vorgelassen werden, um komplett vom Standarddeutschen ersetzt zu werden. Hierbei stößt man auf eine aufschlussreiche Extravaganz, in der die Nutzanwendung der Kiezsprache in der Relation zur überzogenen Einbeziehung von englischen Lehnwörtern, als lächerlich durch Öffentlichkeit taxiert wird. Heike Wiese sieht nicht in dem Kiezdeutschen eine Gefährdung der Deutschen Sprachen, sondern vielmehr lauert in den Fachtermini und der Wissenschaftssprache die Gefahr nach Hans Weigel[9]. Im Gegensatz dazu wird das englische Fachsimpeln in der Allgemeinheit verhältnismäßig hocheingeschätzt. Das wird auf die größere Kompatibilität der Einverleibung von englischen Lehnwörtern in die Deutsche Sprache zurückgeführt. Dem Kiezdeutschen wird aus der grammatischen Perspektive vielfach eine vollkommende Einschränkung auf die Funktionalität der Sprache zugeschrieben. Zweifelsohne wird die Sprache nicht allein durch die Grammatik geartet, demgegenüber unterlegt die Sprachlehre bedeutungsvoll das sprachliche Verständnis, welches entgegengesetzt den Kritikern Contra-Argumente zulässt.

Infolgedessen figuriert die Kiezsprache grundsätzlich als keine Gefährdung der deutschen Sprache, einstweilen die Landessprache ausgiebige beherrscht wird. Mittels dieser slang-förmigen Ausdrucksweise wird das sprachliche Repertoire zweifelsfrei ergänzt. Kiezdeutsch ist neben den z.B. Bayrischen[10] und Thüringisch-Obersächsischen[11] ebenfalls bloß ein Varietät des Deutschen, die etliche Male verhöhnt werde, dem ungeachtet kann diese Mundart definitiv, als keine Bedrohung der deutschen Sprache erfasst werden. Des Weiteren wird die grammatische Korrektheit keineswegs durch die Kiezsprache beeinträchtigt, da die Standardsprache weiterhin, als verständlich und untadelhaft vom Kiezdeutschsprecher entnommen wird. Anlässlich dessen erweist sich dieser Ethnolekt, als eine Erweiterung sowohl der grammatischen Formen, als auch der Wortbedeutungslehre und nicht wie es wiederholte Male, als eine sprachliche beziehungsweise grammatische Begrenzung in Raum gestellt wird[12]. Eine weitere verwerfliche Darlegung betrifft die Lehnwörter, die grundsätzlich der türkischen respektive arabischen Sprache entspringen. Aus den aufgenommenen Neuerungen lassen sich keine Konsequenz ziehen, dass es sich dabei um eine deutsch-türkische beziehungsweise deutsch-arabische sprachliche Zusammenlegung handelt. Dieweil werden sowohl die vorherrschende grammatischen Regeln verfolgt, als auch erweitert, so dass sich das aus dem Türkischen respektive dem Arabischen stammende Vokabular, als Fremdwörter aufgenommen werden[13].



[1] Vgl. Richard Schrodt: Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter? Die Problematik der Werterhaltungen Im Deutschen. 1995. Wien. S. 15

[2] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010, S. 34

[3] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010, S. 34

[4] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010, S. 34

[5] Vgl. Duden: Duden Band 4 - Die Grammatik: unentbehrlich für Richtiges Deutsch. 2006 Mannheim/ Leipzieg/ Wien/ Zürich, S. 210, 211

[6] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010, S. 34

[7] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010, S. 34, 35

[8]Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010. S. 35

[9] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010. Bonn. / Vgl. Richard Schrodt: Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter? Die Problematik der Werterhaltungen Im Deutschen. 1995. Wien. S. 13-17. / Vgl. Hans Weigel: Die Leiden der jungen Wörter. Ein Antiwörterbuch. 1974. Zürich, München. Vorwort.

[10]Dialekte aus dem Bundesland Bayern

[11]Dialekte aus den Bundesländern Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt

[12] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010. Bonn. S. 35

[13] Vgl. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt des Deutschen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2010. S. 33

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