Beispiel für freien Sprachumgang - am Fall Goethe

Nach hinten heraus hatte seinerzeit das Haus am Frauenplan noch ein ländliches Aussehen. Vorn war alles Fassade. Sie distanzierte. Vor allem die barocke Symmetrie der hellen Flächen und der festliche Schmuck um die streng gereihten Fenster. Im Widerspruch dazu die Klarheit und Ruhe hinter den Scheiben, wo selten sich etwas bewegte.

Erstellt vor 11 Jahren
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Und dann das Eingangsportal. Wenn gleich sich dieses eher bescheiden proportionierte. So war auch hier viel Stuck und selten Bewegung. Vorn also stritten barocke Repräsentanz und klassizistische Bedenklichkeit. Das schuf Irritationen und, wie gesagt, distanzierte. Anders das hinterwärtig Ländliche. Es war zunächst den zurückgelassenen Einrichtungen einer Ackerbürgerei geschuldet. Zudem war der Innenhof noch nicht gepflastert. Zur Rechten durch einen gartenhausähnlichen Anbau begrenzt. Ansonsten nur behelfsmäßig und lückenhaft zum Garten verzäunt. Und links stand noch ein kleines Stallgebäude, dort waren die beiden Pferde und zwei Kutschen untergebracht sowie nutzlos einiges landwirtschaftliches Gerät, das im Haus niemand bedienen konnte, bis auf den Diener, doch der hatte im Inneren alle Hände zu tun. Um den Gemüsegarten und die Blumenbeete kümmerte sich höchstpersönlich Christiane. Damit hatte sich, die Kleintiere ausgenommen, das hinterwärtig ländliche Leben. Provokant gemischt, doch entschieden lebendig in ländlicher Art. Ganz im Gegensatz zur äußeren Fassade. Bei Regen nämlich machten sich auf dem Hofe Pfützen breit, in denen sich Schweine und friedlich daneben Hühner und Spatzen labten. Die Bewohner mußten dann durch den Vordereingang, um nicht zu verschmutzen. Folglich hatte der Diener die Kutsche vor das Eingangsportal zu fahren. Dieser Vorgang, zu bestimmten Jahreszeiten nicht selten, hatte die Wirkung, daß die Weimaraner und Gäste die Abfahrt begafften. Was sie sonst nicht konnten, wenn man hinten, im Sittlich-Ländlichen einstieg und vorne gleich staatsmännisch fuhr. Doch selbst bei Regen ließ sich das Ländliche von vorn nur schwer vermuten. Viele Weimaraner wußten folglich nichts davon. Und die es ahnten oder gar kannten, wollten es nicht wahrhaben. Diese Ignoranz war symptomatisch. Von allen Deutschen hatten die Weimaraner es besonders schwer, zur Kenntnis zu nehmen, daß des Dichters Stätte mehr war als barocke Repräsentanz und klassizistische Bedenklichkeit. Ein buntes Gemisch eben der verschiedenen Art. Schließlich gab seitwärts nur selten ein offenes Tor den Blick nach hinten frei, und wenn, dann war es das linke, durch das man gewöhnlich mit der Kutsche zu fahren pflegte. Dann kam es schon vor, zugegeben recht selten, man achtete darauf, daß hinter dem ausfahrenden Gefährt ein Schwein durch den Torbogen auf die Straße trat, quietschend zum Brunnen hinüber rannte oder rechts in die Gasse hinein, in Richtung Ilm, wo zu Herbstzeiten reichlich Eicheln lagen. Irgendwann sollten die Reste des Ländlichen verschwinden. Der Innenhof gepflastert und zum Garten hin angebaut werden. Auch gab es Pläne, die Fassade zu ändern. Aber vorerst wurde das fürstliche Haus mit ländlichem Hof in einigen Räumen für einen bürgerlichen Lebenszweck umgebaut...

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