Kleistrezeption in totalitären Systemen

Kai-Uwe Hüter

Die Kleistrezeption in totalitären Systemen

Inhaltsverzeichnis

1. Heinrich von Kleist - ein deutscher „Klassiker“

im Wandel der Zeit 2

2.

Erstellt von Scriptor vor 10 Jahren
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Kleist im Dienste des Totalitären:

Nationalsozialismus und DDR 3

2.1 Kleist im Nationalsozialismus -

der „deutscheste aller Deutschen“? 3

2.2 Kleists Werke - Antizipation des Totalitären? 5

2.3 Literaturrezeption in der DDR: Mit Heinrich von Kleist

für den Sozialismus? 7

2.4 Der historische Hintergrund oder das klassische Erbe

in der DDR 8

2.5 Romantik und Sozialismus - Kleist in der DDR 9

2.6 Vergleich beider Rezeptionsweisen 10

3. Fazit 11

4. Literaturverzeichnis 13

Die Konstruktion von Ideologie ist unauflöslich mit der Literatur und der Theorie des Literarischen verwoben und fordert die Umkehrung der Frage, auf welche Weise der Nationalsozialismus Autoren wie

Hölderlin, Kleist und Büchner für seine Politik einsetzen konnte.

B. Hüppauf[1]

Die Unterscheidung von Ursache und Wirkung - ein

unlösbares Problem der Geschichtsschreibung.

N. G. Dávila[2]

1. Heinrich von Kleist - ein deutscher „Klassiker“[3] im Wandel der Zeit

Die Werke Heinrich von Kleists haben im Laufe der Zeit eine unterschiedliche Rezeption erfahren. Ziel dieser Arbeit ist es, verschiedene Rezeptionsweisen zu untersuchen und miteinander zu vergleichen.

Einen Schwerpunkt bildet die Rezeption Kleists im Nationalsozialismus, da seine Werke in dieser Zeit eine besonders starke Inanspruchnahme bzw. Umdeutung durch die politische Propaganda erfuhren. Der Nachweis eines ideologischen Missbrauchs der kleistschen Werke wird anhand von Textbeispielen geführt werden. Auch auf die Frage, inwieweit Kleists Werk bereits Anteile faschistischer Ideologie vorwegnahm, wird in diesem Zusammenhang eingegangen.

Da mein besonderes Interesse einer komparatistischen Herangehensweise gilt, wird die Kleist - Rezeption der NS-Zeit jener in der DDR gegenübergestellt. Auch in der sogenannten „Deutschen Demokratischen Republik“ war der Alltag von Vereinnahmung durch eine totalitäre Staatsideologie geprägt. Ob die Umdeutung bzw. Inanspruchnahme der Werke Kleists ähnliche Ausmaße annahm, wie im Dritten Reich, soll Gegenstand dieser Untersuchung sein. Diese komparatistische Vorgehensweise führt auch zu der Frage nach der Literaturrezeption in totalitären Systemen im Allgemeinen. Daher wird im Folgenden auch kurz erörtert, wodurch sich diese auszeichnet, und ob sich verschiedene Rezeptionsweisen im Systemvergleich grundlegend voneinander unterschieden haben.

2. Kleist im Dienste des Totalitären: Nationalsozialismus und DDR

2.1 Kleist im Nationalsozialismus - der „deutscheste aller Deutschen“?

In der Zeit des Dritten Reiches wurden sämtliche Kulturgüter im Sinne der Nationalsozialisten uminterpretiert und missbraucht. Der ganze Staat richtete sich an der nationalsozialistischen Ideologie aus. Hiervon war zwangsläufig auch die kulturelle Überlieferung betroffen. „In der Literatur, den Künsten und der Wissenschaft waren von der NS-Ideologie abweichende Meinungen verpönt [...].“[4] Werke, die nicht der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, wurden in den Dienst des Regimes gestellt. Die Werke Kleists bildeten hier keine Ausnahme. Zwar gab es auch kritische Stimmen, die sich gegen eine vorschnelle Umdeutung klassischer Autoren aussprachen,[5] dennoch überwog die Zahl derjenigen, die bereit waren, Kleist in den Dienst der neuen Ideologie zu stellen. So lässt sich feststellen, dass gerade Heinrich von Kleist besonders stark von der Propaganda der Nationalsozialisten vereinnahmt wurde. Sein Werk schien offenbar deutlichere Anknüpfungspunkte zu bieten als die Schriften anderer Autoren. „Die Gründe für diese Vereinnahmung sind einerseits in Kleists patriotischer Haltung, die sich oft in „antinapoleonische(r) oder antifranzösische(r) Polemik“[6] äußerte, zu suchen, andererseits auch in der Radikalität seiner Gedanken.[7] So heißt es in Kleists „Katechismus der Deutschen“:

Fr. Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Krieges nicht erreicht wird, das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und das Land verheert

worden.

Antw. Wenn gleich, mein Vater. Fr. Was; wenn gleich! - Also auch, wenn alles unterginge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den Kampfe noch billigen? Antw. Allerdings, mein Vater. Fr. Warum? Antw. Weil es Gott lieb ist, wenn die Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben. Fr. Was aber ist ihm ein Greuel? Antw. Wenn Sklaven leben.[8]

Die Worte Kleists, 1809 verfasst, wirken geradezu prophetisch angesichts zweier Weltkriege, die mehr als 100 Jahre später stattfinden sollten. Besonders die Passage „Also auch, wenn alles unterginge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den Kampfe noch billigen?“ erinnert an die berühmte Goebbels - Rede, die in der Frage gipfelte: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Hat Kleist womöglich den Faschismus antizipiert, fungierte er gar als Stichwortgeber für die Nationalsozialisten? Dass ein Autor, in dessen Schriften sich solche Aussagen finden, von den neuen Machthabern ab 1933 begeistert aufgenommen wurde, muss nicht verwundern. Dieser Vereinnahmung gingen entsprechende Tendenzen in der Wilhelminischen Ära und der Weimarer Republik voraus. Busch spricht von einer „präfaschistischen Kleist - Rezeption“[9] an die die Nationalsozialisten ab 1933 anknüpfen konnten, da sich beispielsweise der Topos der „Volksgemeinschaft“ bereits in der Kleist - Rezeption der 1890er Jahre findet. Diese Erhöhung des Völkischen und Nationalen mündet fast zwangsläufig in die Pflicht zur Verteidigung des „Eigenen“ gegenüber einem realen oder imaginären Feind. Somit ist der Schritt zum Militarismus und der damit oft einhergehenden Heroisierung des Todes nicht mehr weit.[10] Motive also, die sich auch bei Kleist einer gewissen Beliebtheit erfreuten. Diese Art der Rezeption verschwand nicht einfach mit der Abdankung des Kaisers, sondern wurde durch ihre Rezipienten in die Weimarer Republik „hinübergerettet“, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten:

Da mit dem Sturz des Kaiserreiches und seiner politischen Führung der traditionellen, inhaltlich stark auf das Haus Hohenzollern hin orientierten Kleist-Rezeption eine seiner wesentlichen Grundlagen entzogen wird, entsteht ein ideologisches Vakuum. Dieses

bedarf der Füllung mit neuen oder transformierten alten Inhalten durch die um Neuorientierung sich bemühenden Rezeptionsträger.[11]

Das Werk Kleists schien geeignet, um diese „transformierten alten Inhalte“ zu liefern. Busch spricht von einer „rückwärtsgewandten Utopie“, die eine Zukunft entwirft, welche traditionalistische Vorstellungen aufnimmt.[12] Folgerichtig war demnach die Gründung der Kleist - Gesellschaft im Jahre 1920. Deren Vorsitzender, Georg Minde - Pouet, sollte auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch die Gelegenheit bekommen, eine unrühmliche Rolle zu spielen.

Somit lässt sich, was die spätere Rolle Kleists im Nazireich betrifft, konstatieren, dass spätestens in der Weimarer Republik der Boden bereitet war, auf dem er durch die Faschisten rezipiert werden sollte.

2.2 Kleists Werke - Antizipation des Totalitären?

Das Werk Kleists ist vielfältig, und nicht jedes seiner Werke mochte für eine Rezeption durch die Nazis gleichermaßen geeignet sein. So ist es z. B. schwer vorstellbar, dass sein Stück „Der zerbrochene Krug“ als nationales Heldenepos dienen könnte, wird doch gerade hier die Obrigkeit in Form des Dorfrichters Adam der Lächerlichkeit preisgegeben, und somit die Autorität eines Repräsentanten des Staates verhöhnt. Anders sieht es jedoch bei Stücken wie der „Hermannsschlacht“ oder dem „Prinzen von Homburg“ aus. Gerade ein Stück wie die „Hermannsschlacht“ bietet sich für eine politische Vereinnahmung im Sinne der Nazis an: der Sieg der Germanen gegen die Römer kann leicht als Sieg der Deutschen gegen ihre „Feinde“ umgedeutet werden. Diese Feinde waren nach nationalsozialistischer Lesart nicht nur fremde Armeen, sondern vor allem die Juden. Im Jahr von Kleists 150. Geburtstag wurde eine Aufführung der „Hermannsschlacht“ in München von Alfred Rosenberg, dem damaligen Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“ höchstpersönlich kommentiert mit den Worten:

Wir wissen, daß heute Juden, Polen und Franzosen die „ganze Brut ist, die in den Leib Germaniens sich eingefilzt wie ein Insektenschwarm“: Wir wissen, daß ein Ende sein muß mit der Liebespredigt für unsere Feinde, daß heute noch viel mehr als vor 1000 Jahren Haß unser Amt ist und unsere Tugend Rache. Wir wissen auch, was wir zu sagen haben, wenn Angstmänner ihre Feigheit mit der Bemerkung bemänteln wollen, „es gäbe doch auch gute Juden“: dasselbe, was Kleist den Hermann sagen ließ, als seine Gattin ihn um das Leben der „besten Römer“ bat: „Die Besten, das sind die Schlechtesten.“ Denn diese machen uns mürbe im Kampfe gegen die andern. So ist Kleist unser.[13]

Die Szene der „Hermannsschlacht“, in der Thusnelda ihren Gatten um Gnade für einige Römer bittet, mit dem Hinweis, es gäbe doch auch „Gute“ unter ihnen, kommentiert dieser mit den Worten:

Die Guten mit den Schlechten. - Was! Die Guten! Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil Soll (sic!) sie zuerst, vor allen andern, treffen![14]

Hier liegt bereits der Kern einer Überlegung, die später von den Nationalsozialisten aufgegriffen und umgesetzt wurde: wenn erst einmal differenziert wird zwischen vermeintlich „Guten“ und „Schlechten“, dann wird das ganze Unternehmen in Zweifel gezogen. Bei Kleists „Hermannsschlacht“ die Vernichtung des Feindes, der Römer, bei den Nazis die Vernichtung der Juden. Die Gefahr einer solchen Differenzierung war auch einem Heinrich Himmler wohl bewusst, als er auf einer SS-Gruppenführertagung am 4. 10. 1943 in Posen äußerte:

Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. [... Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des Jüdischen Volkes.[...] „Das jüdische Volk wird ausgerottet“ sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem Programm. Ausschaltung der Juden. Ausrottung, das machen wir.“ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude.[15]

Kleists Denkfigur aus der „Hermannsschlacht“ taucht hier in pervertierter Form wieder auf. Hierzu kommentiert Hinrich C. Seeba:

Das auch quantitative Ausmaß der Vernichtung ergibt sich daraus, dass Himmler Thusneldas individuelle, noch mit ihrer persönlichen Eitelkeit erklärte und damit schon entmoralisierte Fürsprache für den einen guten Römer millionenfach vervielfältigt: „Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden.“[16] Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie sehr Kleists Werk prädisponiert war, um in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie gestellt zu werden. Von besonderem Interesse ist dieser Punkt für die vorliegende Untersuchung, da sich hier die Frage nach der Rolle der Person Kleists stellt. Ist er der unschuldig missbrauchte Dichter, oder lieferte er den Nazis gar erst die Denkfiguren, an die diese anknüpfen konnten? Wäre die Naziideologie ohne solche von Kleist beschriebenen Vorstellungen überhaupt möglich gewesen? Es wäre sicher maßlos übertrieben, Heinrich von Kleist als faschistischen Vordenker zu sehen, jedoch findet der Prozess der Rezeption Kleists in Bezug auf die nationalsozialistische Ideologie in einem hermeneutischen Zirkel statt.[17] Dies bedeutet, nicht eine wie auch immer geartete „Naziideologie“ vereinnahmt die alten Schriften, die kulturelle Überlieferung der Deutschen, sondern vielmehr entsteht die Ideologie der Nazis erst aus solchen Schriften heraus. Dies führt, lt. Maurach, zu der These, Kleists Werk gehöre

selbst in einen rationalitätskritischen Strang der Geistes- und Kulturgeschichte, aus dessen vielfältigen und verschlungenen Wurzeln unter anderem auch Teile seiner nationalsozialistischen Wirkungsgeschichte hervorgingen.[18] Somit erscheint Kleist

keineswegs als unschuldiges Opfer einer späteren nationalsozialistischen Verken nung und Vergewaltigung. [...] Hinsichtlich der Frage nach dem erkennenden Subjekt, das sich in der Auseinandersetzung mit Rezeptionsgeschichte eben ein wenig wie Dorfrichter Adam stets auch nach seiner eigenen Verantwortung als Mit- oder auch Nachgeborene(r) fragen muss, wird hier [im Aufsatz Seebas, K.H.] eine sehr gut lesbare, sorgfältige Klärung und Abwägung erreicht. Kleist als ,Prophet und zugleich als ,mitverstrickter´Antizipator der Judenmorde, ein Autor, der ,Denk figuren´ der unbarmherzigen Verfolgung und Vernichtung sowie der Täter-Opfer Umkehr gleichsam präformulierte, das ist eine für weitere ernsthafte Diskussionen sehr fruchtbare These.[19] Der Holocaust entstanden auf dem Fundament der kleistschen Schriften? Jener stotternde, schüchterne Dichter - der „Deutscheste aller Deutschen“?[20] Heinrich von Kleist konnte, so sehr er auch die Franzosen und deren Kultur in der Verkörperung eines Napoleon gehasst haben mag, keineswegs ahnen, welch grausame Pervertierung der Begriff des „Deutschen“ unter dem Rassenwahn der Nationalsozialisten nehmen sollte. Die kleistsche Vorstellungswelt, jene des Übergangs des 18. zum 19. Jahrhundert, kannte die Vorstellung des Krieges aus der Perspektive des Kampfes des einen Soldaten gegen einen anderen. Die Vorstellung der Ausrottung eines ganzen Volkes mit industriellen Mitteln (Gaskammern) hätte selbst die Fantasie eines Heinrich von Kleist weit überfordert. 2.3 Literaturrezeption in der DDR: Mit Heinrich von Kleist für den Sozialismus?

Die Diktatur in der DDR weist qualitativ und quantitativ große Unterschiede zu jener der NS-Zeit auf. Wichtig für die vorliegende Untersuchung ist jedoch die Tatsache, dass es sich auch hier um eine Diktatur[21] handelte, die den gesamten Kulturbetrieb in den Dienst der Partei bzw. ihrer Ideologie stellte. Somit war die Weitergabe des literarischen Erbes in der DDR keineswegs wertneutral, sondern das Werk einzelner Personengruppen und der Machtposition, die sie verkörperten, namentlich der zuständigen Gremien der SED.[22]

Vor allem in den ersten Jahren nach dem Krieg wurde die gesamte Kulturpolitik durch offizielle Verlautbarungen von Partei, Regierung oder des Kulturbundes zentral gelenkt.

War diese Hierarchie im Kampf gegen die ideologischen Überreste der zwölfjährigen Herrschaft des Nationalsozialismus und für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschafts ordnung aus der Not der Zeit geboren, so änderte sich daran aber auch dann nichts entscheidend, als eine Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse eine größere Dezentralisierung erlaubt hätten.[23]

War es möglich, das Werk Kleists auf dieser Grundlage für die Idee des Sozialismus zu vereinnahmen und umzudeuten? Oder konnte er gar als Vorbild dienen für jene, die sich in Opposition zum DDR - Regime sahen?

2.4 Der historische Hintergrund oder das klassische Erbe in der DDR

Der Aufbau der DDR musste notwendigerweise einen Bruch mit dem Naziregime darstellen. Die offizielle Kulturpolitik folgte einer in den 30er Jahren entstandenen Haltung, die darauf beruhte, sich dem klassischen Erbe zuzuwenden, und dies nicht alleine dem Bürgertum zu überlassen, denn

Das Bürgertum habe bei der Verwirklichung der Ideale der klassischen deutschen Philosophie und Literatur versagt; also erklärte man die Arbeiterbewegung zum legitimen Erben dieser Tradition.[24]

Während die Nationalsozialisten in Kleist noch die Verkörperung des „Deutschtums“ sahen, mutierte er in der Sichtweise der sozialistischen Theoretiker nunmehr zum Stichwortgeber für den Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates:

Waren die Klassiker gewissermaßen die Vordenker der Arbeiterbewegung gewesen, die Ideale von Freiheit und Humanität propagiert hatten, ohne daß diese Ideale in einer Klassengesellschaft realisierbar wären, so machten sich jetzt die Erben daran, den Traum der Klassiker zu verwirklichen [...].[25] Nämlich, die Ideale Goethes durch die sozialistische Arbeiterbewegung in die Tat umzusetzen.[26] Die Überreste des Nazi - Gedankengutes sollten durch die Lektüre der deutschen Klassiker überwunden werden, d. h.

Die Erziehung zum Sozialismus wird also - aus programmatischen wie aus taktischen Gründen - vorerst hintangestellt; die Ideen der Klassiker der deutschen Literatur sollen dafür erst den Boden bereiten.[27]

Diese Sichtweise entbehrt nicht einer gewissen Ironie, nimmt man die These von Maurach ernst, wonach gerade Kleist und andere „Klassiker“ als Stichwortgeber für den Faschismus fungierten.[28] Die Indienstnahme der Klassiker für die sozialistische Gesellschaft zeigt sich auch an der Tatsache, dass

Lehramtskandidaten während ihres Studiums 15 Stunden über die Literatur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu belegen [hatten], während für die Literatur des 20. Jahrhunderts nur zwei Stunden vorgesehen waren.[29]

Seit den 1950er Jahren setzte jedoch verstärkt die Tendenz ein, den nationalen Klassikern Autoren der Sowjetunion an die Seite zu stellen.

Eine solche Orientierung an Autoren vor allem der Sowjetunion wurde noch verstärkt, nachdem 1952 offiziell der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft verkündet worden war und die DDR damit auch stärker an die anderen sozialis tischen Länder gebunden wurde, während im Verhältnis zur Bundesrepublik Abgrenzungstendenzen in Erscheinung traten.[30] In den 1970er Jahren sollte es dann zu einer Neubewertung des Umganges mit dem Erbe der klassischen Literatur kommen. Diese Rezeptionsphase der deutschen Klassiker, speziell Kleists, kann hier nicht im Detail nachvollzogen werden. Festzuhalten bleibt, dass das klassische literarische Erbe für die Herrschenden von besonderem Interesse war, und ideologisch vereinnahmt wurde.

2.5 Romantik und Sozialismus - Kleist in der DDR

Bei der Beurteilung der Bedeutung Kleists für die DDR stellt sich erneut die Problematik seiner Einordnung unter die Begriffe „Klassik“ bzw. „Romantik“[31]. Dieser Punkt kann hier aber außer Acht gelassen werden. Wenn Kleist als „Romantiker“ behandelt wird, dann in dem Sinne, ihn von den Klassikern Goethe und Schiller abzugrenzen. Der Umgang der sozialistischen Literaturwissenschaftler war nun geprägt von jenem Bild der Romantik, welches im Dritten Reich propagiert wurde, d. h.

Die Auseinandersetzung sozialistischer Literaturhistoriker und Schriftsteller mit der Romantik in den dreißiger und vierziger Jahren ist nur vor dem Hinter-

grund des Romantikkults eines Teils der deutschen Germanistik (Gundolf, Huch), vor allem aber der politischen Entwicklung im nationalsozialistischen Deutschland zu verstehen. Vieles richtete sich nicht in erster Linie gegen die Romantik, sondern vielmehr gegen das einseitige Bild, das eine rein geistesgeschichtlich orientierte oder völkische Deutung von ihr gezeichnet hatte.[32]

Hinzu kommt die Betrachtung der Romantik als Bruch mit der Aufklärung, somit als Affront gegen die utopische Vision des Sozialismus. Diese Sicht wird noch verstärkt durch die stark individuelle Komponente, die dem Romantischen, z. B. durch Georg Lukács, unterstellt wurde.[33] Somit wundert es nicht, dass

ein Fehlen fast jeder Beschäftigung mit der Romantik festzustellen [ist]. Die Identifizierung mit dem als vorbildlich ausgewiesenen Erbe der Klassik im engeren Sinne und die aus dieser Identifizierung erwachsene Legitimation der im Aufbau begriffenen sozialistischen Gesellschaft hatte absoluten Vorrang vor jedem Versuch einer Ausweitung des literarischen Kanons. Die Klassik gehörte in die ideale Entwick lungslinie des Realismus in der Literatur, als Bindeglied zwischen Aufklärung und Kritischem Realismus des 18. Jahrhunderts; in dieser Entwicklung stellte die Romantik eher einen Störfaktor dar.[34] Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle Heinrich von Kleist, der mit einem Bein fest in romantischer Tradition verwurzelt war, in der DDR spielen konnte. Eine vorurteilsfreie Rezeption seiner Werke war kaum möglich, galt er doch als repräsentativer Dichter des Preußentums.[35] Dies zu erörtern, wäre Aufgabe einer gesonderten Untersuchung.

2.6 Vergleich beider Rezeptionsweisen

Die Kleist - Rezeption im Nationalsozialismus stand ganz im Dienste der herrschenden Begrifflichkeiten von „Deutschtum“ und „Volk“. Die konkrete Beschäftigung mit seinem Werk folgte jedoch nicht der normativen Vorgabe einer zentralen Behörde, sondern war stets den einzelnen Rezipienten anheimgestellt. Es waren stets einzelne Funktionsträger, die ihren Kleist im Sinne der herrschenden Ideologie interpretierten.

Im Vergleich zu der Rezeption im Dritten Reich ging es in der DDR nicht in erster Linie darum, an eine ruhmreiche „deutsche“ Vergangenheit anzuknüpfen; vielmehr sollte die Rezeption „klassischer“[36] Autoren insgesamt dazu dienen, die geistige Basis zu liefern, für eine in der Zukunft erst zu schaffende Gesellschaft. Die Bezugnahme auf Kleist gestaltete sich in der DDR aber weitaus schwieriger, als im Nationalsozialismus. Dies aus zwei Gründen:

1. Das Werk Kleists weist aus sich heraus eine stärkere Affinität zu Gedanken auf, die dem Faschismus wesensnah waren (Nation, Heldentum etc.).

2. Die Vereinnahmung gestaltete sich umso schwieriger, da Kleist bereits von den Nationalsozialisten vereinnahmt war. D. h., ein Anschluss an die kleistsche Überlieferung war nicht möglich, ohne ihn zuvor der Sphäre des nazistischen

Gedankengutes zu entreißen.

3. Fazit

Totalitäre Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass ihrer Herrschaft alle Lebensbereiche unterworfen sind. Dazu zählt zwangsläufig auch die Literatur. Somit ist es unumgänglich, dass Literatur im Kontext des Totalitarismus eine neue Aus- bzw. Umdeutung erfährt. Prinzipiell lässt sich jedes Werk umdeuten und in den Dienst einer Ideologie stellen. Manche Werke sind für solcherlei Deutungen jedoch stärker geeignet als andere. Dies ist auch bei Kleist der Fall, da in seinem Werk sehr unterschiedliche Themen bearbeitet werden. Somit bietet sich Stoff für vielerlei Deutungen an. Eine völkisch bzw. nationalistisch ausgerichtete Deutung der kleistschen Werke kann sich auf Motive der „Hermannschlacht“ oder auf den „Prinz von Homburg“ berufen, eine sozialistische Deutung, der ihrem Wesen nach der Gedanke des Aufstandes gegen ungerechte Verhältnisse immanent ist, findet ihre Entsprechung in der Geschichte des „Michael Kohlhaas“, des „einfachen Mannes“, der sich gegen die Ungerechtigkeit des Herrschers erhebt. Man könnte sogar davon sprechen, dass der intendierte Sinn des Autors dekonstruiert wird, um zu solcherlei Uminterpretation zu führen. (Michael Kohlhaas könnte ebenso, nationalistisch interpretiert, als „deutscher Held“ gefeiert werden). Festzuhalten bleibt: Das Werk Kleists enthält Aspekte, die zur totalitären, genauer: faschistischen Rezeption geradezu prädisponiert waren, und daher umso stärker von den Nationalsozialisten beansprucht werden konnten. Eine sozialistische Interpretation im Sinne des DDR - Regimes fand zwar ebenfalls statt, war jedoch eher als „Übergangsphänomen“ gedacht, um einen Übergang von den noch in den Köpfen verwurzelten Werten der Nationalsozialisten zu den eigentlichen sozialistischen Werten auf dem Umwege der Inanspruchnahme deutscher Klassiker zu erreichen. Da Kleist bereits von den nationalsozialistischen Ideologen vereinnahmt war, fiel es zunehmend schwerer, ihn in die Nähe des Sozialismus zu rücken. Das Vermächtnis Kleists entzog sich jeher einer klaren Zuordnung zu den literarischen Strömungen der Klassik und Romantik. Auch die Tatsache, dass Kleist von unterschiedlichen Systemen bzw. Ideologien vereinnahmt wurde, zeigt, welch komplexes Werk der so früh Verstorbene hinterlassen hat. Die Größe des Genies passt in keine Form. Auch wenn sich Gelegenheiten zur Missdeutung bei Kleist finden lassen, besitzt seine Überlieferung eine Größe, die auch heute, fast 200 Jahre nach seinem Freitod, noch fasziniert und die Leser bezaubert. Sicherlich birgt sein Werk noch genügend Stoff, um auch zukünftige Generationen zu neuen Deutungen und Interpretationen zu veranlassen. So mag man ihm die Verse seines 18. Epigrammes zur Seite stellen, die da lauten:

Lasset sein mutiges Herz gewähren! Aus der Verwesung >Reiche lockt er gern Blumen der Schönheit hervor![37]

4. Literatur

Primärliteratur

Kleist, Heinrich von: Gesammelte Werke in vier Bänden. Berlin: Aufbau - Verlag 1955.

Sekundärliteratur

Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches. München: C. H. Beck 2000.

Busch, Rolf: Imperialistische und faschistische Kleist-Rezeption 1890-1945. Studienreihe Humanitas. Frankfurt/M.: Akademische Verlagsgesellschaft 1974.

Dávila, Nicolas Gómez: Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift... Aphorismen. Hrsg. von Michael Klonovsky. Stuttgart: Reclam 2007.

Fest, Joachim: Das Gesicht des Dritten Reiches. München 1963.

Gärtner, Marcus: Kleist-Bilder und Kleist-Deutungen in der Germanistik. In: Deutsche Klassiker im Nationalsozialismus. Hrsg. von Claudia Albert. Stuttgart/Weimar: Metzler 1994.

Honnef, Theo: Heinrich von Kleist in der Literatur der DDR. New York; Bern; Frankfurt am Main; Paris: Peter Lang 1988. (= DDR - Studien Vol. 4).

Hüppauf, Bernd: Delirien des Modernen. Faschistische Ästhetik und deutsche Literatur am Beispiel Heinrich von Kleists. In: Kleist im Nationalsozialismus. Hrsg. von Martin Maurach. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007 (= Beiträge zur Kleist-Forschung 19/2005). S. 19-44.

Jeßing, Benedikt: Neuere deutsche Literaturgeschichte. Tübingen: Gunter Narr 2008.

Kremer, Detlef: Romantik. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007.

Minde - Pouet, Georg: Die Kleist Gesellschaft. In: Deutscher Kulturwart 2 (1935) zitiert nach: Gärtner, Marcus: Kleist-Bilder und Kleist-Deutungen in der Germanistik. In: Deutsche Klassiker im Nationalsozialismus. Hrsg. von Claudia Albert. Stuttgart/Weimar: Metzler 1994.

Rosenberg, Alfred: Rezension zur Festaufführung der „Hermannsschlacht“ zu Kleists

150. Geburtstag im Münchner Residenztheater am 18. Oktober 1927, in: „Völkischer Beobachter“, zitiert nach Günther Rühle: „Theater für die Republik: 1917-1933 im Spiegel der Kritik“, Frankfurt a. M. 1967, S. 822f.

Safranski, Rüdiger: Romantik - eine deutsche Affäre. München: Carl Hanser 2007.

Seeba, Hinrich C.: Die Filzlaus im Leib Germaniens. Kleists „Hermannsschlacht“ als Programm ethnischer Säuberung. IN: Kleist im Nationalsozialismus. Hrsg. von Martin Maurach. Würzburh: Königshausen & Neumann 2007 (= beiträge zur Kleist Forschung 19/2005). S. 45-60.

Schubert, Klaus/Klein, Martina: Das Politiklexikon. Bonn: Dietz 2005.

[1] Hüppauf 2005, 21.

[2] Dávila 2007, 74.

[3] Zur Schwierigkeit der Einordnung Kleists in die Klassik bzw. Romantik vgl. Kremer 2007, 160/225.

[4] Benz 2000, 31.

[5] Vgl. Gärtner 1994, 81.

[6] Jeßing 2008, 151.

[7] Vgl. Safranski 2008, 189.

[8] Kleist 1955, Bd. III, 323/324.

[9] Busch 1974, 228.

[10] Vgl. Busch 1974, 131.

[11] Busch 1974, 162.

[12] Busch 1974, 166.

[13] Rosenberg 1967, 822.

[14] Kleist 1955, Bd. II, 357.

[15] Fest 1963, 162.

[16] Seeba 2005, 53.

[17] Vgl. Maurach 2005.

[18] Maurach 2005, 14.

[19] Maurach 2005, 15.

[20] So der Vorsitzende der Kleist - Gesellschaft, Minde - Pouet. Hier zitiert nach Gärtner 1994, 81.

[21] Zum Begriff der „Diktatur“ vgl. Schubert/Klein 2005, 80: „D. bezeichnet eine Herrschaftsform, bei der die

demokratischen Rechte abgeschafft sind [...].“

[22] Vgl. Honnef 1988, 1.

[23] Honnef 1988, 1-2.

[24] Honnef 1988, 13.

[25] Honnef 1988, 13.

[26] Honnef 1988, 13.

[27] Honnef 1988, 15.

[28] Vgl. S. 6.

[29] Honnef 1988, 15.

[30] Honnef 1988, 17.

[31] Verwiesen sei auf die bereits zitierte Arbeit von Detlef Kremer.

[32] Honnef 1988, 27.

[33] Vgl. Honnef 1988, 27-28.

[34] Honnef 1988, 28.

[35] Honnef 1988, 37.

[36] „Klassisch“ meint hier: das literarische Erbe betreffend, ohne auf die Besonderheiten der epochalen Differenzierungen zwischen Klassik und Romantik näher einzugehen.

[37] Kleist 1955, Bd. I, 105.

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