Zwiebelfisch – Gewimmel auf dem Trockenen

Die Druckersprache ist reich an Metaphern: es gibt Hurenkinder, Schusterjungen, Findelkinder, Witwen, Gänsefüßchen, Fliegenköpfe, Schriftspiegel, Bleiläuse und eben auch Zwiebelfische. Wir erklären, wo diese zu finden sind.

Zwiebelfisch – Gewimmel auf dem Trockenen
© Wayhome Studio
Erstellt vor 2 Monaten
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Zwiebelfisch im Buchdruck

Der Zwiebelfisch bezeichnet in der Biologie die Ukelei, einen karpfenähnlichen Fisch mit dem wissenschaftlichen Namen Alburnus alburnus. Aus dessen silbrig schimmernden Schuppen wurde früher eine Essenz gewonnen, mit der ein Pigment für Kunstperlen hergestellt wurde.

Aber was haben silbrige Fische mit Buchdruck zu tun?

In der Typografie bezeichnete ein Zwiebelfisch lange Zeit einen Buchstaben, der im Vergleich zum restlichen Text aus einer anderen Schrift gesetzt ist.

In Zeiten, als Autoren die einzelnen Buchstaben ihrer Bücher noch von Hand in Bleilettern setzen ließen, wurden die Lettern in Setzkästen aufbewahrt. Dort hatte jede Letter ihren eigenen Platz in einem Kästchen. Nach der Benutzung mussten die Lettern sorgfältig wieder an ihren eigenen Platz zurückgeräumt werden. Landeten sie zufällig in einem falschen Kästchen, konnte es passieren, dass sie beim nächsten Projekt quasi undercover auf den Druckstock wanderten.

Chaos in der Druckerei: die »Zwiebelfischbude«

Konnte über eine einzelne falsch abgelegte Letter noch hinweggesehen werden, war es eine Art Worst Case, wenn den Lehrlingen der Inhalt aus dem Setzkasten auf den Boden kippte. Dann wimmelten verschiedene Lettern auf dem Trockenen der Druckerei wie ein Schwarm kleiner Fische.

Viele solcher Fälle und Unlust am sorgfältigen Aufräumen führten zu Chaos. Ein arg schlampiger Satzkasten, bei dem viele Lettern falsch weggeräumt waren, wurde auch als »verfischter« Satzkasten bezeichnet. Ein Ausdruck, der seit der Zeit der Online-Texter kaum noch gebraucht wird.

Eine weitere Erklärung, warum es denn ausgerechnet der Zwiebelfisch war, der es ins Trockene der Druckereien geschafft hat, ist diese: Der echte Zwiebelfisch galt aufgrund vieler Gräten als minderwertiger Fisch. Markthändler, die Zwiebelfische verkauften, hatten dementsprechend wenig gesellschaftliches Ansehen. So brachten ein unordentlicher Setzkasten und ein daraus folgender Druck mit unpassenden Lettern der Druckerei den zweifelhaften Ruf ein, eine »Zwiebelfischbude« zu sein.

Der Zwiebelfisch als Inspiration

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entschied sich die Redaktion einer Zeitschrift für Buchwesen und Typografie für den Titel »Zwiebelfisch«. Die Zeitschrift erschien mit Unterbrechungen bis 1948. Dabei setzten die Herausgeber dem Zwiebelfisch mit einer eigenen Illustration auf dem Deckblatt ein Denkmal.

Auch andere sind fasziniert von der bildhaften Sprache des Buchdrucks. Für den Namen »Zwiebelfisch« haben sich die Macher eines Magazins für Gestaltung an der Freien Hochschule für Grafik-Design in Freiburg entschieden. Ein kleiner Verlag in Berlin versammelt unter diesem Titel sein Verlagsprogramm.

Der Zwiebelfisch ist auch der Titel der Sprachkolumne des Autors Bastian Sick. In dieser Reihe kommentiert er falsch verwendete Wörter in der deutschen Sprache, die ihm auffallen. Gesammelt sind diese erschienen in Büchern wie »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« und »Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen«.

Und weil Fisch schwimmen will, gibt es in Berlin eine Kneipe gleichen Namens, in der Typografen und andere Schriftliebhaber über die derb-charmante Druckersprache fachsimpeln oder Lektoren mit Autoren ein Lektorat besprechen.

Aus berlinfernen Gefilden empfiehlt sich zum Abtauchen in die Druckereisprache das online zugänglich gemachte Nachschlagewerk »Die deutsche Druckersprache« von Heinrich Klenz (Straßburg 1900). Das Institut für Textkritik hat das Werk 2003 neu herausgegeben. (Das Lexikon ist über die Buchstaben der antiquiert wirkenden Website oben rechts alphabetisch einzusehen.)

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