Qualitative Sozialforschung

1. Qualitative Sozialforschung

1.1.

Erstellt von Dula vor 4 Jahren
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Allgemeines und Abgrenzung zu quantitativer Sozialforschung

Im Vordergrund der qualitativen Sozialforschung steht die Hypothesenentwicklung. Hypothesen werden erst im Laufe der Forschungsarbeit aus dem Untersuchungsfeld gewonnen. Diese Art von Hypothesengenerierung wird induktiv genannt, da man von den Beobachtungen zur Theorie kommt (Lamnek, 1993:225).

Des Weiteren ist die qualitative Forschung auch idiographisch. Das bedeutet, dass sie das Individuelle bzw. das Besondere beschreibt. Lamnek hält fest, dass „qualitative Sozialforschung insofern idiographisch ist, als sie versucht, soziale Erscheinungen in ihrem Kontext, in ihrer Komplexität und in ihrer Individualität zu erfassen, zu beschreiben und zu verstehen.“ (Lamnek, 1993:223).

Qualitative Verfahren sind besonders dann geeignet, wenn relativ unstrukturierte Daten erhoben werden sollen. Als Beispiel hierfür sei die Erforschung von komplexen Prozessen, z.B. von verbalem oder nonverbalem Verhalten angeführt. Des Weiteren sind qualitative Verfahren sinnvoll, wenn wenig Vorwissen über den Forschungsgegenstand vorliegt, wie im Falle der Kulturstandards.

Was die Erhebungsmethoden anbelangt, so werden diese oft in kleineren Stichproben angewendet. Beispiele dafür sind die unstrukturierte Befragung (z. B. narratives Interview), die teilnehmende Beobachtung oder die biographische Methode.

Die qualitative Sozialforschung ist von der quantitativen zu unterscheiden. Im Folgenden wird die quantitative Vorgehensweise näher erläutert.

Im Gegensatz zur qualitativen Sozialforschung werden in der quantitativen Forschung Hypothesen überprüft. Sie werden im Vornhinein formuliert und anschließend mit den Ergebnissen aus den Erhebungen entweder bestätigt oder falsifiziert.

Ein weiteres Kennzeichen der quantitativen Forschung ist die deduktiv-nomothetische Erklärung. Der Forscher sucht nach Gesetzen, mit denen er soziale Phänomene erklären kann, oder anders ausgedrückt nach nomothetischen Aussagen (Wolf, 2000:1).

Im Unterschied zu qualitativen Erhebungsmethoden werden Messinstrumente zumeist in größeren Stichproben angewendet. Beispiele dafür sind die strukturierte und standardisierte

Befragung, die nicht nicht-teilnehmende, strukturierte Beobachtung oder die quantitative Inhaltsanalyse (Wolf, 2000:2).

1.2. Das qualitative Interview

Das Wort Interview kommt aus dem Angloamerikanischen. Erst im 20. Jahrhundert verbreitete es sich auch im deutschen Sprachraum. Ursprünglich jedoch stammt es vom französischen „entrevue“ ab und bedeutet verabredete Zusammenkunft (Lamnek, 2005:329).

1.2.1. Methodisch-technische Aspekte qualitativer Interviews

Lamnek (2005) nennt zehn Aspekte. Hier wird nur auf fünf näher eingegangen, da sie als am wichtigsten erachtet werden.

- Standardisierung des Verlaufs: Weder Fragen noch der Verlauf des Interviews sind standardisiert. Die Reihenfolge der Fragen ist nicht von vornherein festgelegt.

- Offenheit: Die Fragen sind offen zu stellen. Der Interviewer sollte sich so wenig wie möglich im Vornhinein mit der Theorie beschäftigen, um eine Wahrnehmungsverzerrung zu vermeiden.

- Gestaltung der Situation: Die Interviewsituation sollte so weit als möglich vertraulich und entspannt sein. Der Interviewte wird hier „als Subjekt in einer möglichst alltagsnahen Gesprächssituation verstanden.“

- Interviewdauer: Der Zeitaufwand für dieser Erhebungsmethode ist im Vornhinein nicht abzusehen. Er kann von einer halben und bis zu über vier Stunden schwanken.

- Kontakt: Es wird empfohlen, den Zugang über bereits bestehende Verbindungen zu suchen, da diese als Vermittler zwischen Interviewer und Interviewpartner Vertrauen genießen. Ein zufälliges Anschreiben oder Anrufen mit den Kontaktdaten aus dem Telefonbuch wird nicht empfohlen.

1.3. Das narrative Interview – eine Spezialform des qualitativen Interviews

„Das narrative Interview will durch freies Erzählenlassen von Geschichten zu subjektiven Bedeutungsstrukturen gelangen, die sich einem systematischen Abfragen versperren würden.“

(Grundgedanke nach Mayring, 2002:73)

Eine spezielle Form des qualitativen Interviews stellt das narrative Interview dar. Für dieses Erhebungsverfahren wird in der Regel weder Fragebogen noch Leitfaden eingesetzt. Der Interviewer zielt hier auf „das Verstehen, das Aufdecken von Sichtweisen und Handlungen von Personen sowie deren Erklärung aus eigenen sozialen Bedingungen“ (Atteslander, 2006:133 und Hermanns, 1981:16).

Schütze (1977) betrachtet diese Art von Interview als eine Spezialform des qualitativen Interviews (Lamnek, 2005:357). Es ist kein Interview im üblichen Sinn, denn die Aufgabe des Interviewers in dieser Forschungssituation ist es, den Befragten dazu zu bringen, selbst erlebte Geschichten zu erzählen (Atteslander, 2006:133). Unterbrechungen sollten vermieden werden. Bei dieser Form ist es angebracht, den Befragten erst am Ende um eine Wiederholung oder Präzisierung zu bitten.

Um den Ablauf eines narrativen Interviews darzustellen, fasst Hermanns (1991) ein narratives Interview als eine Folge von Aufgaben auf. Hermanns teilt das narrative Interview in Anwerbungs-, Einstiegsphase, Phase der Haupterzählung, Nachfrage- und Bilanzierungsphase (Hermanns, 1991:184).

Die erste Aufgabe und damit die erste Phase ist es, einen Interviewpartner zu finden, der willens und bereit ist, Selbsterlebtes zu erzählen (Anwerbungsphase). Nach einer kurzen Erklärung von Thema und Methodik bittet der Interviewer seinen Interviewpartner, mit seiner Erzählung zu beginnen (Einstiegsphase). In der nächsten Phase wird der Interviewpartner zum Erzähler. Die Aufgabe des Interviewers ist es, nur zuzuhören, ohne zu unterbrechen, und die Perspektiven des Erzählers zu verstehen (Phase der Haupterzählung). Erst in der Nachfragephase können unklar gebliebene Erzählpassagen geklärt werden. In der letzten Phase kann der Interviewer nach theoretischen Erklärungen für die Ereignisse bzw. Erlebnisse fragen und eine Bilanz aus der Geschichte ziehen (Bilanzierungsphase) (Hermanns, 1991:184f).

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